Nur ein kleines Lied

Ralf Stefan 
Aus dem 3. Roman: »Nur ein kleines Lied« 

 

Kochen mit Roni 

 

Mutter war mit Stiefvater und Heike im Urlaub an der Ostsee. Ich war zu zeitig aus Berlin zurückgekommen und hatte sturmfreie Bude. Zur Gesellschaft hatte ich mir Peng eingeladen. 

Am Nachmittag kam Peng mit einer riesen Überraschung auf dem Rücksitz. Er brachte seine neue Freundin Roni mit. 

»Hallo Hans!« 

»Hallo ihr beiden!« Herzlich begrüßten wir uns und Roni gab mir sogar fröhlich ein Küsschen auf die Wange. 

Sie war einen halben Kopf kleiner als ich, trug ihre blonden Haare schulterlang und war ein ganz zierliches Persönchen. Sie wog kaum vierzig Kilo. 

Bei Sturm sollte man sie nie allein mit dem Regenschirm vor die Tür lassen, da war sie ruckzuck weggepustet und man musste sie suchen. 

»Hans Peter! Kann Roni hierbleiben? Sie ist zurzeit auch alleine zuhause und ihr fällt die Bude auf den Kopf? Sie kann doch im Zimmer deiner Schwester schlafen!« Flehend sah mich Peng an. 

»Aber klar! « Die beiden strahlten mich an. 

»Danke Hans Peter! Wir sollten unsere Sachen ins Haus bringen«, antwortete Roni. Mit einem Blick in die Wolken und einem süßen lächeln übernahm sie gleich das Kommando. 

Peng sah mich lächelnd an und hob fragend die Schultern. Wir beide konnten ihr nicht widerstehen. 

Peng brachte seine Tasche ins Wohnzimmer und Roni schleppte einen dicken Stoffbeutel in die Küche. 

Als ich die Treppe runterkam und in die Küche sah, blieb ich erstaunt stehen. Roni hatte sich Mutters Kittelschürze übergezogen und Peng lehnte grinsend an der Spüle.   

Auf dem Küchentisch lag ein Bündel Möhren und schrumpelige Äpfel kullerten aus Ronis Beutel. Sie hielt ein altes halbes Weißbrot in der Hand. 

»Hans! Wo hast du Eier? Ich mache uns etwas Süßes!« Roni war quietsch vergnügt und fuchtelte mit unserem großen Brotmesser rum. Gefährlich sah das aus, aber Peng musste darüber lachen. Ich konnte meinen Blick nicht von den Mohrrüben lassen und fragte mich, wo für wir die brauchten. Roni verfolgte meinen Blick und lachte. 

»Aus den Möhren backe ich uns nachher einen schönen Kuchen!« 

Ich war erschlagen. Mutter backte Kuchen aus Mehl! Was sollte das hier werden? 

Peng und Roni prusteten und lachten. Ich konnte nur verständnislos mit dem Kopf schütteln. 

Ich zeigte ihr, wo alles stand. Dann scheuchte sie uns aus der Küche und wir ließen dem Schicksal seinen Lauf. 

»Roni pass bloß mit dem großen Messer auf!« 

 

Peng erzählte mir, dass kochen ihr Hobby sei. Sie hatte es bei der Oma gelernt und kochte jeden Tag für ihren Bruder. 

Meine Kochkünste kannte er. Am besten konnte ich Mutters Bratkartoffeln warm machen und Peng war auch kein Sternekoch. So fand er es am besten, sie einfach mitzubringen. 

»Jungs, Platz machen!« Schnell räumten wir den Couchtisch und Roni brachte uns Kaffee und für jeden einen Teller mit etwas Süßem, wie sie es uns versprochen hatte. 

»Lasst es euch schmecken!« Fröhlich und stolz stellte sie ihr Tablett auf den Tisch und wir griffen zu. Sie setzte sich zu uns und nahm sich einen Teller. 

Ich sah auf meinen Teller, aber konnte nichts damit anfangen. Mutter hatte mir als Kuchen noch nie so etwas vorgelegt. Was war das? 

Es war warm. Sie musste es gebraten haben. Peng kannte es auch nicht und wir sahen sie fragend an. 

 

»Roni, was ist das?« 

»Seid nicht so schüchtern!« Sie griff sich die Zuckerdose, streute Zucker über ihren ›Kuchen‹ und ließ es sich schmecken. 

»Jungs, es schmeckt. Greift zu!« Sie amüsierte sich über uns und lachte. Schnell streute ich auch Zucker über die Teile auf meinem Teller, griff mir ein Stück und kostete. Es schmeckte wirklich gut, aber war kein Kuchen! 

Peng wartete lieber und beobachtete mich. Ich nickte ihm zustimmend zu und er kostete auch. 

»Mmmhh! Schmeckt gut!« Wir waren begeistert und Roni lachte. 

»Was ist das?« 

»Das habe ich aus dem alten Weißbrot gemacht. Ich habe es geschnitten, in gequirltem Ei mit Milch eingelegt und dann gebraten. Jetzt sind es ›Arme Ritter‹! « Stolz und glücklich sah sie sich um. 

Roni verblüffte mich immer mehr. 

 

 

»Und nachher backen wir zusammen Möhrenkuchen. Da müsst ihr mir aber helfen!« 

»Na klar!«, riefen wir fast wie aus einem Mund.« 

Nach diesen gut schmeckenden ›Armen Rittern‹ hatte ich keine Angst mehr vor ihrem Möhrenkuchen. Später fragte ich Peng, aber auch er kannte weder ›Arme Ritter‹ noch Möhrenkuchen. 

Ich gratulierte ihm zu der Idee, Roni mitzubringen. Denn die Gefahr war groß gewesen, dass wir beiden Superköche in der nächsten Woche verhungert wären. 

Gemeinsam hörten wir bis zum Abend Musik und quatschten. Roni wollte meinen Song vom Pflaumenbaum hören. Ich holte meine Gitarre und stellte ihr noch weitere Songs vor. Aber es kam noch der Möhrenkuchen. 

»Jungs, ab in die Küche, sonst gibt es später kein Abendbrot!« 

Ich musste Möhren schälen und reiben, Peng tat das gleiche mit den Äpfeln. Roni bereitete einen Teig aus Mehl, Quark. Eiern und weiteren Zutaten vor. Zum Schluss rührte sie alles zu einem Teig, der kam in eine Backform und in den Ofen. 

Ich war mir sicher, dass uns auch dieser Kuchen schmecken würde. 

Es war schon spät geworden und unser Abendbrot wurde eher zum Nachtmahl. Roni schickte mich in den Keller Pfirsiche holen, aber danach sollten wir wieder im Wohnzimmer warten und den Tisch decken. 

Gehört hatte ich schon davon, aber noch nie eins gegessen. Zum Abschluss des Tages bereitete uns Roni noch einen ›Toast Hawaii‹! 

Zwar nicht mit Ananas, sondern Pfirsichscheiben, aber himmlisch. Ich hätte es nie für möglich gehalten, mein Gaumen musste sich erst einen Augenblick daran gewöhnen. Getoastetes Brot, gekochter Schinken, süße Pfirsichscheiben und darüber zerlaufene Käsescheiben. Unglaublich, wie baden im Meer und wandern auf hohen Bergen zur gleichen Zeit. 

 

Morgens fuhr ich mit Peng frische Brötchen holen und Roni sorgte für gute Stimmung. Sie war süß, witzig, lachte, hatte einfach immer gute Laune und steckte uns damit an. Unsere Prinzessin! 

Zum Frühstück machte sie für uns Rührei mit frischen Kräutern oder für uns neu: Burger aus Brötchen, flachen Bouletten, Ketchup, Käse, Salatblättern, Tomaten und Gurken aus dem Garten in unterschiedlichen Varianten. 

Wir lernten Pizza kennen, ›Strammen Max‹ und Schaschlik. Prima, alles neue Rezepte und sehr schmackhaft! Zum Kaffee gab es Möhrenkuchen. 

Nur beim bunten Nudelsalat hatte sie sich total verschätzt und zu viel gemacht. Wir waren traurig, doch Roni freute sich und lachte. 

»Jungs! Das wird Übermorgen unser Mittagessen. Ich backe uns daraus ein Gratin!« 

 

Wir waren zuerst erschrocken. Aus altem Nudelsalat wollte sie uns ein neues Mittagessen backen? 

Aber schnell legte sich unser Misstrauen. Roni hatte uns mit jedem Essen überrascht und es hat uns immer sehr gut geschmeckt. 

 

Es wurden sehr schöne Tage und sie ließen mich den Rauswurf von den Weltfestspielen vergessen. Ohne die beiden hätte ich sicherlich wochenlang gegrübelt und die Welt verrückt gemacht. 

Wir fuhren an den Baggersee baden, sahen Fernsehen, hörten Musik und sonnten uns auf der Gartenterrasse. 

Die gemeinsamen Tage vergingen viel zu schnell. Über die Zeit waren wir drei beste Freunde geworden. Wenn es nach uns gegangen wäre,  hätten wir es noch lange gemeinsam ausgehalten. 

Am ersten Tag ihres Besuches hatte mich Peng gebeten, ›Hans, bitte keinen Tropfen Alkohol solange Roni hier ist!‹ Wir haben uns daran gehalten, kein Bier oder Wein. Am letzten Tag habe ich ihn nach dem „Warum“ gefragt. 

Seine Antwort machte Roni noch sympathischer. Mutter hatte mich gelehrt: ›Jeder Mensch hat mindestens eine Schwäche. Das ist normal, sonst wäre er ein Gott.‹ Bei Roni hatte ich noch keine erkannt. 

Jetzt erzählte er mir: 

»Wenn die Süße ein halbes Bier trinkt ist sie angeschwipst und aus unserer Prinzessin wird eine kleine Kichermaus.« 

Zum Abschied schenkte sie mir ein Photonegativ mit einem Bild von ihr. Ich hatte das entwickelte Bild schon bei Peng gesehen. Er trug es in seinem Portmonee. 

Bei der Aufnahme des Bildes hatte ihr der Fotograf eine brennende Lampe hinter den Kopf gestellt. 

 

Sie war keine Göttin, aber auf dem Foto trug sie durch diesen Trick mit der Lampe einen Heiligenschein und der stand ihr sehr gut.  

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