Wir singen englisch ohne Englisch

Ralf Stefan 
Aus meinem Roman »Wir singen englisch ohne Englisch« 

 

Der Kampf um das Schlachzeug 

 

Wir hörten, dass draußen das schwere Hoftor geöffnet wurde. Das musste Ben sein. Steini und ich stürzten zur kleinen Tür und sahen auf den Hof hinunter. Aber nicht Ben kam auf den Hof, sondern ein junger Mann, den wir nicht kannten. Er sah Bens Oma auf der anderen Seite des Hofes und rief ihr schon von weitem zu: 

„Hallo Frau Tormann! Ich soll das Schlachzeug holen. Wo steht es denn?“ 

Steini sah mich entsetzt an und dann ging sein Blick zu unserem Schlachzeug. Er drängelte mich von der Tür weg und zog hektisch die Leiter zum Hof nach oben. So konnte niemand zu uns hochklettern. 

„Pst! Pst!“, machte ich zu den anderen beiden, aber Tilmann und Peer hatten es auch gehört. Wir duckten uns und beobachteten den Hof von der Tür aus. 

„Das Schlachzeug haben die Jungs und üben damit. Sie haben gesagt, dass sie es geschenkt bekommen haben“, rief sie zu ihm und wir konnten bis nach oben sehen, dass er sofort rot anlief und stocksauer wurde. 

„Wir verschenken doch nicht unser Schlachzeug! Das brauchen wir jedes Wochenende. Wir sind doch nicht verrückt! Das Schlachzeug ist nicht verschenkt. Wo ist es oder soll ich erst die Polizei holen? Her damit!“, brüllte er zornig. 

Jetzt ging er bedrohlich mit geballten Fäusten zu der kleinen Oma, unserer Herbergsmutter. Er war in einer viel höheren Gewichtsklasse als sie, schon ein ordentlicher Kleiderschrank. Gegen den kam keiner von uns an. Aber wir konnten auch nicht zulassen, dass er unsere Oma verprügelte. 

Ich suchte die große Kohleschaufel, mit der Ben die Ratte k.o. geschlagen hatte, aber konnte sie nicht finden. 

„Wo ist Gustav?“, schoss es mir durch den Kopf. Er konnte es mit ihm aufnehmen und unsere Oma retten. Aber er war nirgendwo zu sehen. Zum Schluss nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und brüllte so laut ich konnte vom Holzboden herunter: 

„Wir haben das Schlachzeug vom Klubhaus geschenkt bekommen!“ 

„Um Gotteswillen! Was hat denn das blöde Klubhaus mit unserem Schlachzeug zu tun?“, brüllte er wutentbrannt in unsere Richtung. 

„Was ist denn hier los?“, brüllte plötzlich Gustav. Er kam aus der Scheune und hielt eine Mistforke in der Hand, was ich echt prima fand. Mit der Forke konnte er unsere Oma verteidigen. 

Der fremde Mann sah wieder zu uns hoch und deutete auf Steini. 

„Hey Langer, was hast du da in den Händen?“ 

 

„Was willst du? rief Steini. „Das sind meine Trommelstöcke. Die habe ich mir von meinem Taschengeld gekauft!“ 

„Und ich bin sein Zeuge!“, mischte sich jetzt auch noch Tilmann ein. 

 

Mit einem Mal fing der Fremde an zu lachen und konnte sich überhaupt nicht mehr beruhigen. Er hielt sich den Bauch und rief: 

„Hilfe, Hilfe, ich lach mich Tod!“ 

Alle sahen ihn verdattert an und staunten. 

„Langer!“, brachte der Mann irgendwie hervor und zeigte auf Steini. 

„Langer! Hast du da oben etwa ein Schlagzeug?“ 

„Ja, aber es ist nicht deins!“ Wieder brüllte ich hinterher: 

„Wir haben es vom Klubhausleiter geschenkt bekommen! Fahr hin und frag nach!“ 

Es folgte der nächste Lachanfall.

„Leute, ich bin der Sohn von Fleischer Kolle! Mein Vater war in der vorigen Woche hier und hat mit der Familie Tormann geschlachtet! Ich wollte das Schlachtzeug von meinem Vater holen! Seinen Fleischwolf, Messer und so weiter und nicht euer verdammtes

Schlagzeug!“ 

 

Nun konnte niemand mehr an sich halten und alle brüllten vor Lachen. Ben kam auf den Hof und sah sich das Ganze kurz irritiert an. Wir johlten oben und unten hielten sich Oma und der Sohn vom Fleischer lachend den Bauch. Bestimmt dachte er, jetzt wären alle total verrückt geworden. 

Wir brauchten noch eine Weile, bis wir uns beruhigten. Es war aber im Nachhinein auch zu lustig. 

Kein Mensch im Berliner Raum sagte hochdeutsch Schlagzeug, sondern nannte es ein Schlachzeug. 

Zwischen Schlachzeug und Schlachtzeug konnte es schnell zu einer Verwechslung kommen, was wir bewiesen hatten. Aber zum Glück war alles gut gegangen und es gab keine Verletzten …. 

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